Existiert eigentlich so etwas wie ein "idealer" Lebensraum für Amphibien? Wie müsst ein Lebensraum aussehen, der auf einer Fläche von zwei Quadratkilometern 11 heimischen Arten, nämlich der Erdkröte, Kreuzkröte, Wechselkröte, Knoblauchkröte, dem Kammmolch, Bergmolch, Teichmolch, Springfrosch, Grasfrosch, Laubfrosch und Teichfrosch günstige und stabile Lebensverhältnisse zur Populationsentwicklung bieten könnte? Welche Gegebenheiten wären für eine solche Artendichte in der Rheinebene notwendig?
a) Man bräuchte eine Reihe von unterschiedlichsten Laichgewässern in Wald und Offenland, mit und ohne Vegetation, mit und ohne Prädatoren, also zum Beispiel Weiher, Teiche, Tümpel, Gräben und überschwemmte Wiesen. In heißen, trockenen Jahren müssten genügend sichere d.h. ausreichend lange wasserführende Laichplätze und ebenso feuchte Rückzugsorte vorhanden bleiben, entweder durch natürliche Gegebenheiten wie hohen Grundwasserspiegel oder gezieltes Wassermanagement z.B. durch Bewässerungsmöglichkeiten über steuerbare Gräben.
b) Ähnlich hohe Erwartungen gelten für die Lebensräume außerhalb der Laichzeit: Man bräuchte in sicher erreichbarer Wanderdistanz totholzreichen Laubwald, trockenheitsresistente permanente Aufenthaltsgewässer für länger im Wasser verbleibende Arten und lockere Erdbereiche zum Eingraben mit reichhaltigem Nahrungsangebot an Gliedertieren und einer Vielzahl an unterschiedlichen Strukturen zum Verstecken, wie sie zum Beispiel in Kleingärten und auf Friedhöfen zu finden sind.
c) Optimal wäre auch eine Abwesenheit von massiv die Artbestände reduzierenden invasiven Arten wie Ochsenfrosch und der in der Rheinebene unserer Region fast flächendeckend vorkommende Kalikokrebs.
d) Als letztes bräuchte man noch die Gewährleistung der sicheren Wanderwege zwischen den Habitattypen: möglichst geringe Zerschneidung der Lebensräume durch Barrieren, möglichst wenig Verkehr auf Wegen, die zur Wanderung genutzt werden, Absicherung von Wanderungen über verkehrsreichere Straßen mittels Sperrungen in den Hauptwanderzeiten.
Vermutlich ist schon beim Lesen klar geworden, dass ich hier nicht von einem Wunschtraum spreche, sondern von einem real existierenden Lebensraum: die oben beschriebenen Voraussetzungen sind in den Feuchtbiotopen Weiherwald und Rüppurrer Salmenwiesen im LSG Südliche Hardt in Karlsruhe bereits vorhanden. Dieser Lebensraum ist so optimal in der Kombination seiner natürlichen und geschaffenen Gegebenheiten, dass er überregionale Aufmerksamkeit wegen seiner bemerkenswerten stadtnahen Artenvielfalt erregt hat. Er ist zum Studienort und zum Amphibien-Hotspot für zahlreiche Führungen geworden, darunter auch für das BANU Zertifikat in Bronze der Umweltakademie.
Und nun zur der weniger guten Nachricht: In den kommenden Jahren werden drei große Bauvorhaben in diesem Gebiet durchgeführt: eine neu etablierte Bahnbrücke, eine Sportplatzerweiterung und ein die Wanderrouten zwischen den Waldlebensräumen und Laichgebieten zerschneidender Radschnellweg wurden beschlossen. (s. Artikel: Amphibien-Hotspot Südliche Hardt). Sowohl die fertig gestellten Projekte, die mit einer Zunahme an Auto- und Radverkehr auf den von den Tieren zur Wanderung benutzen Wegen einhergehen werden, als auch die Zeit der mehrjährigen Bauphasen mit schwerem Gerät in einem bisher über Jahrzehnte lang unangetasteten Bereich der Feuchtgebietslandschaft bereitet uns lokalen Amphibienexperten große Sorgen. Wir versuchen mit allen uns zur Verfügung stehenden Möglichkeiten einer Verschlechterung des Gebietes entgegenzuwirken.
Die Welt der Amphibien liegt für die Öffentlichkeit zu großen Teilen im Verborgenen. Das Spektakuläre dieses Feuchtgebiets-Ökosystems ist nicht auf den ersten oder zweiten Blick sichtbar. Wir betrachten es seit Jahren als unsere Aufgabe, diesen Schatz für die Öffentlichkeit sicht- und erlebbar zu machen. (Exkursion zur Amphibienwanderung: Die verborgene Welt von Frosch-, Molch- und Kröte)
Cornelia Buchta, Amphibienschutzbeauftragte des NABU Karlsruhe