Steinkauz - der kleine Kobold der Streuobstwiesen

Alle Fotos: Frederic Bauer
Alle Fotos: Frederic Bauer

 Wer im Spätwinter oder im zeitigen Frühjahr meist an mondhellen und windstillen Abenden durch die Streuobstwiesen der Karlsruhe Bergdörfer wandert, bekommt vielleicht ein weiches , kurzes „kjuwitt“ oder ein nasales, ansteigendes „uugh“ zu hören, das in Intervallen oft stundenlang vorgetragen wird.

 

Für den Vogelkenner ist klar: es handelt sich um eine unserer kleinsten Eulen, den Steinkauz. Von gedrungener Gestalt, eher kleiner als eine Türkentaube, das Gefieder gefleckt, die großen, eindrucksvollen Augen hell umrundet, oft knicksend – so präsentiert er sich uns. Er ist ein typischer Bewohner der offenen Kulturlandschaft mit alten, teilweise mächtigen Obstbäumen, extensiv genutzten Wiesen, Feldern, Heckenstreifen, Brennholzstapeln, eingestreuten Brachen mit mehrjährigen Stauden und oft kaum genutzten Gartengrundstücken. Hier findet der Steinkauz seine Nahrung, die aus Mäusen und anderen Kleinsäugern, aber auch aus Insekten und – selten – Kleinvögeln besteht. In geräuschlosem Flug streicht der Kauz über sein Revier und setzt sich dann oft auf eine erhöhte Warte, einen Ast, einen Pfahl, einen Holzstapel oder das Dach eines Gartenhäuschens. Hier hält er Ausschau, ist oft gar nicht scheu, sichert aber auch nach allen Seiten, denn gelegentlich wird er auch selbst zur Beute von Habicht, Sperber oder Waldkauz. Zwar sieht der Steinkauz auch am Tag recht gut, aber beim Beuteerwerb verlässt er sich auf sein hervorragendes Gehör. Das Piepsen einer Maus, selbst das Rascheln eines Käfers nimmt er wahr und fliegt zielsicher in Richtung des Tieres.

 

Drei Brutpaare konnten wir in diesem Jahr im Karlsruher Osten feststellen, die dort wohl schon seit vielen Jahren brüten und ihre Jungen großziehen. Über den Bruterfolg ist uns wenig bekannt, denn die angebotenen Brutröhren, die leicht zu kontrollieren sind, wurden bisher nicht benutzt. Dagegen bevorzugt der Kauz eindeutig Naturhöhlen in Apfel- oder Birnbäumen, die im Gebiet noch vorhanden sind, wobei diese Höhlen teilweise in niederer Höhe liegen und fast senkrecht in den Stamm führen. Damit sind die Jungen der Käuze aber auch ihrem größten Feind, dem Steinmarder ausgeliefert. So bleibt nichts anderes übrig, als die Brutplätze regelmäßig aufzusuchen und in gebührendem Abstand das Geschehen zu beobachten. Wenn die Jungen das Nest verlassen, sitzen sie oft noch in unmittelbarer Nähe der Brutkammer auf einem Ast und werden dort von den Eltern gefüttert. Gelegentlich fallen sie auch auf den Boden, schaffen es aber meist mit Hilfe ihres Schnabels und der Krallen am Stamm hochzuklettern.

 

Neben dem Angebot weiterer Brutröhren besteht der Steinkauzschutz vor allem darin, dafür zu sorgen, dass Störungen vermieden und die Brutbäume so lange als möglich erhalten bleiben. Leider werden diese immer weniger; jedes Jahr werden zahlreiche nicht mehr wirtschaftlich genutzte Obstbäume gerodet, aber nur wenige nachgepflanzt. Auch durch die ausufernden Baugebiete wird sein Lebensraum immer mehr beschnitten; mangelnde Pflege wie der oft fehlende Wiesenschnitt verhindern, dass der Kauz gerade in der Zeit der Jungenaufzucht nur schwer an seine Beute kommt.

Zum Glück sind die Zeiten vorbei, als der Steinkauz von abergläubischen Menschen als „Totenvogel“ verfolgt und zur Abwehr von Unheil an Scheunentore genagelt wurde. Aber dennoch ist er nur lückenhaft verbreitet und verdienst deshalb unseren konsequenten Schutz. Wir appellieren also an die Grundstücksbesitzer, hochstämmige Obstbäume nachzupflanzen, die Streuobstwiesen zu pflegen und auf den Einsatz von Insektiziden und Pestiziden zu verzichten. Die Begegnung mit dem „kleinen Kobold“ soll uns auch in Zukunft möglich sein!

 

Schon in der Antike genoss der Steinkauz eine gewisse Verehrung. In Ägypten stellt er das Hieroglyphenzeichen „M“ dar und war der Sonne heilig; in Griechenland deuten älteste Quellen auf eine Verbindung zu archaischen mediterranen Religionen hin. Er war der Wappenvogel der Göttin Athene (die „Göttin mit den Augen der Eule“) und wurde auf den Münzen der Stadt Athen dargestellt – wie übrigens auch heute noch auf den griechischen Euro-Münzen. Mit dem Ausspruch des griechischen Dichters Aristophanes „an Eulen wird es euch nie mangeln“ hat es der Steinkauz sogar zu einem geflügelten Wort gebracht: „Eulen nach Athen tragen“ bedeutet „etwas Überflüssiges tun“. Und nicht zuletzt weist auch sein wissenschaftlicher Name „Athene noctua“ auf den historischen Bezug hin.

 

 

Artur Bossert